Die Sennenpuppe

Oper in drei Akten von Ernst Ludwig Leitner
Libretto: Alois Schöpf

Eine völlig neue Art von Oper präsentierte die Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg unter der Leitung ihres Chefdirigenten Hansjörg Angerer bei der vielbejubelten Urauf¬führung im Sommer 2008 im Rahmen der Gmundner Festwochen sowie in Salzburg und Wels 2009 und am Tiroler Landestheater Innsbruck 2011. „Die Sennenpuppe“ von Ernst Ludwig Leitner ist nicht nur die Ver¬tonung einer der interessantesten und berühmtesten Sagen des Alpenraums, sondern zugleich die erste Oper mit symphonischer Bläserbesetzung. Autor ist der Schriftsteller und Journalist Alois Schöpf, für die Regie zeichnete der bekannte Film- und Theaterregisseur Erich Hörtnagl verantwortlich.

Ein besonderer Stoff, dargeboten von nicht nur stimmlich ausgezeichneten, sondern auch komödiantisch begabten Sängern, traf auf ein renommiertes, international besetztes Orchester – dementsprechend euphorisch und vielschichtig äußerten sich die Kulturkritiker über die dreiaktige Oper mit ihrer „ebenso poetischen wie kraftvollen Theatersprache“ (Drehpunktkultur). Vom „Geschlechterkampf auf der Opernbühne“ über die „Rache der Holzpuppe“ bis zum „Psychothriller“ reichten die Rezensions-Titel nach der Premiere. Musikalisch wechseln sich gefühlvolle Klänge mit dramatischen Aufschwüngen ab. Die Volksliedmotive werden zitiert, liebevoll verwandelt und kunstvoll variiert. Das Bläserorchester passt wunderbar zur sinnlichen und rauen Alpenwelt, die Instrumentierung ist phantasievoll und atmosphärisch.

Der in Wels geborene Komponist, Organist und Mozarteum-Professor Ernst Ludwig Leitner wurde im November 2010 mit dem Großen Kulturpreis des Landes Oberösterreich (Anton-Bruckner-Preis) ausgezeichnet. Sein kompositorisches Werk umfasst fast alle Gattungen bis hin zu mehreren Opern. Er schreibt komplexe Musik, die aber dennoch in jeder Phase gut hörbar und verständlich bleibt. Musik von Ernst Ludwig Leitner wurde unter anderem im Großen Festspielhaus Salzburg, im Brucknerhaus Linz, im Musikverein und Konzerthaus in Wien, beim Carinthischen Sommer sowie in München, Berlin, Zürich, London, Paris und bei den Tiroler Festspielen in Erl aufgeführt.

Drei Sennen fühlen sich auf ihrer Alm einsam und beschließen, eine weibliche Puppe zu schnitzen. Womit sie allerdings nicht gerechnet haben: Die Puppe erwacht zum Leben. Nachdem sie dem Trio einen Sommer lang zu Diensten war, ist die Puppe von der Idee, auf der Alm zurückgelassen zu werden, alles andere als begeistert.

Erster Akt: Abendmusik
Die Hirten kehren von der Arbeit zurück. Der Junge hat für sie gekocht und endlich seine Holzfigur fertig geschnitzt. Sie stellt eine Frau dar und wird zum Abendessen an den Tisch gesetzt. Alle drei Männer würden sich danach sehnen, den Sommer mit einer Frau auf einer einsamen und abgelegenen Tiroler Alm zu verbringen. Die neue Figur ist Ausdruck dieser Sehnsucht. Nun soll sie mitessen. Einer der Hirten schmiert ihr Mus um den Mund. Da erwacht sie mit einem langen Schrei zum Leben.

Zweiter Akt: Nachtmusik
Ein herrlicher Sommer geht dem Ende zu. Jeder der drei Männer hat auf seine Art die Liebe der Sennenpuppe genossen. Zuerst sitzt der Bauer allein vor der Hütte und denkt an all die Leidenschaften, die ihm vergönnt waren, und die er als biederer Ehemann nie kennen gelernt hätte. Dann gesellt sich der Hirte zu ihm, der als Vagant viel erfahrener ist und gerade deshalb von seiner neuen Geliebten nicht lassen kann und den Jungen beneidet, der den Rest der Nacht mit ihr verbringen darf. Zuletzt kommen auch der verliebte Junge, der in der Sennenpuppe seine erste Frau erkannt hat, und die Sennenpuppe selbst vor die Hütte und setzen sich zu den anderen und sie alle schauen in den Himmel hinauf, in dessen Klarheit sich der Herbst ankündigt. Die Sennenpuppe ist zutiefst dankbar, dass sie leben darf und nicht mehr in das Holz, aus dem sie geschnitzt wurde, eingeschlossen ist.

Dritter Akt: Morgenmusik
Der Sommer ist zu Ende, die drei Männer müssen zurück ins Tal. Dort können sie die Sennenpuppe nicht gebrauchen. Der Bauer ist verheiratet. Der Hirte will weiterziehen und mit seinen Freunden im Gasthaus sitzen, dazu braucht er keine Frau. Und der Junge ist noch zu jung. Daher schleichen sie sich im Morgengrauen aus dem Haus, um die Sennenpuppe allein zu lassen. Doch ihr bleibt das nicht verborgen. Sie steht mächtig in der Tür und lässt die Männer nicht passieren. Einer muss bleiben. Sie würfeln darum, wer es sein muss. Es trifft den Jungen. Die beiden anderen müssen abziehen, ohne sich umzudrehen. Zuletzt tun sie es doch. Und da sehen sie, wie die Sennenpuppe am Hüttendach mit dem Jungen ringt, ihn zuletzt bezwingt, ihn niederwirft, ihm bei lebendigem Leib die Haut abzieht und die bluttriefende Haut am Hüttendach zum Trocknen ausbreitet.

Wie kam es zur Idee der Komposition einer Tiroler Alpensaga?
Der Chefdirigent der Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg Hansjörg Angerer, mein Kollege am Mozarteum, machte mich darauf aufmerksam, dass es kaum musikdramatische Werke mit Einbeziehung einer sinfonischen Bläserbesetzung gibt. Zudem existiert in der alpinen Region ein reicher, oft hochdramatischer Sagenschatz, der prädestiniert erscheint, vertont zu werden. Angerer stellte so den Kontakt zum Autor Alois Schöpf her, der bereits eine Vielzahl an Alpensagen (bei Ueberreuter) publizierte. Schnell wurden wir uns einig, aus dem „Sennenpuppen-Stoff“ eine Oper zu machen.

In einer Oper mit reiner Bläserbesetzung und Schlaginstrumenten gibt es demnach keine Streichinstrumente – sieht man vom Kontrabass einmal ab. Welchen Einfluss hat das auf Ihren musikalischen Gestaltungswillen im Kompositionsprozess?
Dies war für mich sicher eine entscheidende Frage im Kompositionsprozess und eine Herausforderung, weil die Sänger nicht nur von Bläsern „begleitet“ werden können.

Welche musikalischen Auswirkungen hat der fehlende Streicherapparat?
Die Fokussierung auf die Bläser mit ihren vielen musikalischen Farben in Holz- und Blechbläsern kann die Atmosphäre des Alpenraumes gut einfangen, weil vor allem im Forte die Klänge schärfer und „kantiger“ sind. Als Gegensatz setze ich Harfe, Vibraphon und Alphorn ein. Diese Instrumente rufen Assoziationen an eine Bergwelt wach, aber keinesfalls folkloristisch, vielmehr atmosphärisch und das nur in „homöopathischen Dosen“.
Hinzu kommen Bandzuspielungen mit Klängen aus dem alpinen Raum, die gewissermaßen ein „akustisches Bühnenbild“ schaffen, so z. B. das Geschrei von Bergdohlen und das Röhren der Hirsche im Herbst. In dieser Jahreszeit wollen die drei Männer ins Tal zurück und lassen die von ihnen ersehnte und erschaffene Frau, die ihnen bis dahin in jeder Weise zur Verfügung gestanden hat, mit der Begründung, dass sie ja nur „aus Holz“ sei, zurück.
Vor diesem naturnahen, fast menschenleeren Hintergrund muss sich dann zwangsläufig das menschliche Drama der „Sennenpuppe“ entwickeln. Diese schroffe, einsame Naturkulisse hat unmittelbar Einfluss auf die Charaktere unserer Protagonisten.

Die drei männlichen Figuren Bauer, Hirte und Junge sind offenkundig Archetypen ihres jeweiligen Standes. Wie charakterisieren Sie diese musikalisch?
Jede Figur hat ihr spezifisches musikalisches Material. So stellen sich der Junge (am Beginn des 1. Aktes) und der Bauer (am Beginn des 2. Aktes) mit Volksliedern vor. Volksliedmelodien und zeitgenössisches Komponieren schließen sich nicht aus, da über das Volkslied die spezifische regionale Tradition transportiert und die jeweilige Person sehr deutlich gekennzeichnet wird.
Zeigt der 1. Akt noch die Sehnsucht der drei einsamen Männer nach einer Frau, wird diese im 2. Akt erfüllt werden, bevor sich im 3. Akt das eigentliche Drama vollzieht. Die unterschiedlichen Lebenserfahrungen und der ungleiche Stand der drei Männer führen zwangsläufig musikalisch und szenisch zu verschiedenen Charakteren.

Die Puppe: eine vom jüngsten Protagonisten, dem Jungen, „erschaffene“ Frau – sexy, schamlos, direkt, unerbittlich. Ist sie eine Projektion der Männerwelt und/oder eine moderne Frau? Und gibt es demnach erotische Musik?
Ich glaube, dass es keine „erotische“ Musik gibt, ebenso wenig wie es „keusche“ Musik gibt.
Sexualität spielt im ganzen Stück eine wichtige Rolle. Der Junge kommt nicht nur aus eigenem Verlangen auf die Idee, eine Frau zu erschaffen (Pygmalion), er hat auch Angst vor seinen nicht sehr zart besaiteten „Freunden“ („… Sie werden mich nicht mehr zu küssen versuchen aus Langeweile … wie schmerzt mich ihre Grobheit und ihr Spott …“).
Der Bauer, der „gestandenste“ der drei Männer, zeigt im 1. Akt noch kaum Gefühle, geht aber durch die mit der Puppe gemachten Erfahrungen im 2. Akt völlig aus sich heraus und gerät in seiner Arie „Dieses schmerzhafte Sehnen …“ in Verzückung.
Der solistisch eingesetzte Kontrabass, steht ihm zur Seite und befreit sich ebenfalls von seiner „nur-Begleitfunktion“.

Abschließend noch die Frage nach dem Aufbau der Oper …
Formal gesehen handelt es sich bei der „Sennenpuppe“ um eine Oper im traditionellen Sinn, die an eine Nummernoper mit Rezitativen und Arien, sowie mit Ensembles zum Aktschluss erinnert. Drei Akte mit jeweils einem Vorspiel (Abendmusik, Nachtmusik, Morgenmusik) erinnern an die klassische Operndramaturgie.

Die Fragen stellte Henning Pankow

 

„Horrortrip auf der sündigen Alm“

Ernst Ludwig Leitners Oper „Die Sennenpuppe“ wurde mit einem ausgezeichneten Ensemble bei den Salzkammergut Festwochen im Stadttheater Gmunden uraufgeführt…
Der Schriftsteller Alois Schöpf hat ein an traditionelle Formen angelehntes Libretto geschrieben…
Ernst Ludwig Leitner komponierte dazu eine von Volksmelodien inspirierte, moderne, aber tonal gefällige Musik, die speziell im dritten Akt so richtig mitreißend geriet…
Die Inszenierung von Erich Hörtnagl stellte die Geschichte geradlinig und naturalistisch dar. Die vom Regisseur erdachte Bühne und die etwas übertrieben schäbigen Kostüme im „Ötzi-Look“ (Silke Fischer) trugen wesentlich dazu bei. Hansjörg Angerer studierte mit der Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg die Partitur vielfarbig und genau ein, war dem exzellenten Sängerensemble idealer Partner.
Allen voran Gotho Griesmeier, die der Sennenpuppe lebendige Züge abgewann und in ihrem Rachefeldzug höchst ausdrucksstark agierte. Darüber hinaus konnte sie die heikle Partie technisch meisterlich realisieren. Der junge Tenor Daniel Johannsen als Hirtenjunge wusste seine beeindruckenden stimmlichen Mittel bestens einzusetzen. Das gelang auch Matthias Helm. Martin Achrainer machte als Bauer ideale Figur und konnte seine doch sehr differenzierte Partie glaubwürdig und emotional umsetzen. Viel Applaus für eine stimmige Aufführung.

OÖNachrichten Kultur & Medien, Michael Wruss, 2008

 

„Die Rache der Holzpuppe“

Opernuraufführungen sind eine Rarität, zumal bei Sommerfestivals. Und die Entstehung von Ernst Ludwig Leitners Oper „Die Sennenpuppe“ ist besonders ungewöhnlich: Nicht der Stoff – eine Sage aus den Alpen – stand am Anfang, sondern die musikdramaturgische Idee, dass ein sinfonisches Bläserensemble die musikalische Aufgabe bestreiten solle.
Die von Hansjörg Angerer geleitete Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg ist dieser Aufgabe bravourös bei der Uraufführung im Stadttheater Gmunden nachgekommen.
Makabre Handlung: Da erwacht eine zum erotisch-spielerischen Zeitvertreib geschaffene Holzpuppe zum Leben und rächt sich bei den Sennern.
Alois Schöpf hat dazu ein schonungsloses Libretto verfasst. Musikalisch verfremdet Ernst Ludwig Leitner Volksliedhaftes bis zur Unkenntlichkeit: gefühlvolle Klänge findet man neben dramatischen Aufschwüngen, die vom Zwiespalt künden, in dem die vier Figuren ihr Dasein fristen.
Als Regisseur und Bühnenbildner gelingt Erich Hörtnagl mit wenigen Mitteln Wirkungsvolles, die Sänger leisten Überzeugendes. Vom Linzer Landestheater kamen die stimmlich und darstellerisch attraktive Gotho Griesmeier für die Titelrolle und Martin Achrainer als Bauer.
Neben dem ordentlichen Hirten von Matthias Helm war es vor allem der jugendlich-frische Tenorgesang des unglücklichen Opfers, mit dem Daniel Johannsen der viel beklatschten Aufführung ein Profil verlieh.

Wiener Zeitung,(es) 2008

 

„Die Rache des braven Objekts“

Bejubelte Uraufführung der Oper „Die Sennenpuppe“ bei den Festwochen Gmunden.
Leitner, in dessen kompositorischem Schaffen stets musikalische Traditionen mitgedacht, jedoch nie platt nachgeahmt werden, gelingt mit der Musik zur „Sennenpuppe“ eine Gratwanderung…
Selbstbewusst ankert das Stück im Heute, ohne die Grenzen der Hörbarkeit zu strapazieren. Autor Alois Schöpf destillierte ein Libretto aus einer der archaischsten Sagen des Alpenraums. Ebenso lyrisch wie karg bleibt es konzentriert auf die beklemmende Geschichte der „Sennenpuppe“, der zum Leben erwachten Holzfrau, die sich vom Objekt der Begierde dreier einsamer Männer zum albtraumhaften, monströsen Ich wandelt, dem der Jüngste in einem grausigen Finale zum Opfer fällt.
Ein großer Gewinn dieser weitab von den Zentren des Musikgeschehens bemerkenswerten Uraufführung sind die Sänger, die virtuos mit der von Hansjörg Angerer souverän geleiteten Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg mithalten können. Zu ihrer Leistung kann man der „Sennenpuppe“ Gotho Griesmeier und den Herren Daniel Johannsen, Matthias Helm und Martin Achrainer nur gratulieren.
Regie und Bühnenbild verantwortet der mit Angerer, Schöpf und Achrainer vierte Tiroler dieser, wie der Komponist gerne betont, hervorragenden Kooperation: Erich Hörtnagl setzt auf eine der gespenstischen Vorlage entsprechenden Form von magischem Alpen-Realismus.

Tiroler Tageszeitung, Bernadette Lietzow, 2008

 

„Eine hölzerne Gespielin, die unheimlich lebendig wird“

Gelungene Opernuraufführung…
Erfolg für den Komponisten, der mit Geschick und Einfühlung eine eindringliche Musik zur Szenerie auf der Alm geschaffen hat…
Regisseur Erich Hörtnagl schuf durchaus naturalistisch eine imaginäre Gebirgsgegend für die Bühne, auf der ein großartiges Sängerensemble agierte: Gotho Griesmeier, die als Titelfigur mit ihrem geschmeidigen Sopran im Zentrum stand; Daniel Johannsen, der Schnitzerjunge mit tenoralem Einsatz; Matthias Helm als Hirte und Martin Achrainer als Bauer, beide jeweils eine Idealbesetzung. Sie wurden von den begleitenden Musikern der Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg (Dirigent Hansjörg Angerer) mit tragend geführten Melodien unterstützt… Heftige Akklamationen für die ausführenden Künstler und den anwesenden Komponisten.

Neues Volksblatt, Christine Grubauer, 2008

 

„Die Sennenpuppe“

Opernpremiere
Ernst Ludwig Leitners neue Oper „Die Sennenpuppe“ nach einem Text von Alois Schöpf im Stadttheater Gmunden: Es ist eine knorrige Fabel, die mit handfesten dramaturgischen Signalen die Sexualnot dreier Almhirten skizziert, die einen Sommer lang ohne Frau auskommen müssen. Großer Schlussapplaus!
Ernst Ludwig Leitner verpasst dem unbarmherzigen Stück eine kraftbetonte oft dicht gearbeitete Musik und versteht es meisterhaft, bekanntes Volksliedgut effektvoll einzublenden. Martin Achrainer, Matthias Helm, Daniel Johannsen sowie Gotho Griesmeier als Puppe stellen das hochqualifizierte Sängerteam. Den Instrumentalbereich sicherte die Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg unter Hansjörg Angerer.

Kronenzeitung, Balduin Sulzer, 2008

 

„Geschlechterkampf auf der Opernbühne“

Im besten Sinne repertoiretaugliches Musiktheater: Salzburger Erstaufführung der Oper „Die Sennenpuppe“ von Ernst Ludwig Leitner im Großen Opernstudio des Mozarteums.
Die Sennenpuppe ist ein Fabelwesen, welches mit Galathee verwandt, aber viel gefährlicher ist.
Eine Geschlechterkampf-Parabel, die Alois Schöpf effektvoll in eine ebenso poetische wie kraftvolle Theatersprache gegossen hat; Der Komponist hat die übliche Bläserbesetzung um zwei Alphörner, Kontrabass, Harfe und Cembalo sowie reichliches Schlagzeug mit Vibraphon erweitert. Ernst Ludwig Leitners Klangsprache ist gemäßigt modern, vor allem aber eigentümlich. Die Gesangsstimmen sind konventionell geführt – man ertappt sich bei Erinnerungen an „Tiefland“ oder an Schreker-Opern, was durchaus kein Fehler ist. Schön, dass die Menschen auf der Bühne ihre Gefühle singend ausdrücken dürfen, lyrisch, verzweifelt, arios, auch im Schreien in den Fluss der Musik eingebunden.
„Ich sehe nicht ein, warum man in der neuen Musik zwar Volksmusik aus Bali verwenden darf, aber nicht unsere“, so Leitner. …
Die Volksliedmotive werden zitiert, liebevoll verwandelt und kunstvoll variiert. Die Textur ist freitonal, das bläserdominierte Orchester passt wundervoll zur rauen Alpenwelt, die Instrumentierung ist phantasievoll und atmosphärisch, Naturlaute kommen auch vom Band. Leitner hat keinerlei Scheu vor melodischen Liebesszenen und dramaturgischen Höhepunkten, wie es echte Oper verlangt. Das finale Gewitter geht unter die Haut.
Die Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg bewährt sich unter Hansjörg Angerers kundiger Leitung als Opernorchester. Die realistisch-phantastische Inszenierung des Filmemachers und bekannten Regisseurs Erich Hörtnagl schafft den stimmungsvollen, dem Werk entsprechenden Rahmen, wie es einer Uraufführungsproduktion angemessen ist. Ein Sonderlob dem Lichttechniker Andreas Greiml. Ursula Langmayr ist die glaubwürdig agierende Puppe, eine auch gesanglich geerdete böse Fee mit blondem Sex Appeal. Die mit Matthias Helm (Hirte) und Günter Haumer (Bauer) sowie der hell timbrierte, fabelhaft akzentuierende Tenor Daniel Johannsen (Junge) schaffen markante Typen wie in einem Drama von Karl Schönherr.

DrehPunktKultur-Salzburg, Gottfried Franz Kasparek, 2009

 

Auch auf der Alm gibt es die Sünd‘

In der Oper „Die Sennenpuppe“ am Tiroler Landestheater ging es dem Hirten an die Haut.
Innsbruck – Die Problematik ist wohl so alt wie das männliche Geschlecht. Die Traumfrau für den Mann gibt es in den seltensten Fällen, also bastelt man(n) sie in der Phantasie. Zum Schnitzmesser für die dreidimensionale Variante griff bereits Pygmalion in Ovids Metamorphose. Zur literarischen Auseinandersetzung reizte die Thematik William Shakespeare ebenso wie George Bernard Shaw oder Felix Mitterer. Den Stoff, der Wunschträume zu Albträumen werden lässt, haben der Komponist Ernst Ludwig Leitner und der Schriftsteller Alois Schöpf (Libretto) in der am Dienstag im Tiroler Landestheater aufgeführten Oper „Die Sennenpuppe“ verpackt.
Schöpf orientiert sich an alpiner Mythologie, verlegt die Geschichte auf die Alm, nicht ins aktuelle Jetzt und Heute, wo Fieberträume jeglicher Art von der Pornoindustrie bestens bedient und die unerwünschten Nebenwirkungen von Therapeuten behandelt werden. Drei Hirten, eine Alm, keine Frau – schlimmer kann es nicht sein, aber schlimmer kommen. Die vom Jüngsten geschnitzte und zum Leben erweckte Traumbraut fordert nach „Gebrauch“ ihren Preis, die Haut ihres Schöpfers. Musikalisch wiederum hätte es nicht besser kommen können. Ernst Ludwig Leitner hat tief hineingehorcht ins heimatliche Liedgut. Stilistisch zeitgemäß, im subtil ausgeloteten Mittel von Tonalität und Atonalität, spätromantische Stimmungsbilder inklusive, findet Leitner zu einer dichten emotionalen Aussage.
Höchst bemerkenswert, wie er etwa in „Da Summa is aussi“ Gefühle kippen lässt, tondichterische Entsprechungen für zutiefst menschliche Regungen findet. Das Orchester, die Bläserharmonie Mozarteum Salzburg unter der Leitung von Hansjörg Angerer, zelebrierte Bläserklang höchster Güte, dynamisch ausgefeilt bis ins kleinste Detail, Emotion in jedem Ton. Die Sänger Gotho Griesmeier (Puppe), Jan Petryka (Junge), Matthias Helm (Hirte), Martin Achrainer (Bauer) überzeugten mit stimmlicher Präsenz und Strahlkraft wie mit leidenschaftlicher Hingabe und sorgten für einen großen Abend.

Tiroler Tageszeitung, Markus Hauser, 19.05.2011

 

Oper mit symphonischer Bläserbesetzung

Am 17. Mai 2011 wurde am Tiroler Landestheater in Innsbruck Ernst Ludwig Leitners dreiaktige Oper „Die Sennenpuppe“ für vier Sänger und Bläserorchester aufgeführt. Es war bereits die vierte Aufführung des Werks unter der Regie des Film- und Theaterregisseurs Erich Hörtnagl und der musikalischen Leitung von Hansjörg Angerer mit der Bläserphilharmonie Mozarteum Salzburg. Die Uraufführung der Oper, deren Libretto von dem Schriftsteller und Journalisten Alois Schöpf stammt, hatte bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden im Sommer 2008 stattgefunden. Weitere Aufführungen folgten ein Jahr später am Mozarteum Salzburg und in Wels.
„Die Sennenpuppe“ ist die erste deutschsprachige Oper, bei der ausschließlich ein Bläserorchester zum Einsatz kommt, jedoch nicht – wie oft fälschlicherweise behauptet – die erste, die eigens für ein solches geschrieben wurde. Es gab zumindest schon drei andere Opern für symphonische Bläserbesetzung, nämlich Daron Hagens „Bandanna“ (1999), Joseph Turrins „The Scarecrow“ (2006) und Justin Dello Joios „Blue Mountain“ (2007).
Schöpfs Libretto basiert auf einer alten Sage über drei einsame Hirten – einen Schäfer, einen Bauern und einen jungen Burschen – die die Sommermonate auf ihren Almwiesen in den Alpen fernab der Zivilisation verbringen. Der Bursche kümmert sich um die Hütte, in der sie wohnen, und kocht, während die beiden Männer das Vieh hüten. Zum Zeitvertreib in den vielen einsamen Stunden schnitzt der Bursche eine lebensgroße Puppe, die eine schöne Frau verkörpert. Nach seinem Wunsch soll sie an seiner statt Ziel der Zuneigung der beiden anderen werden.
Eines Abends, als die Männer zum Essen nach Hause kommen, ist die Schnitzfigur fertig und wird von ihnen an den Tisch gesetzt. Die Holzpuppe ist der vollendete Ausdruck all ihrer Sehnsüchte und Wünsche, sodass sich alle drei in sie verlieben. In dem Wunsch, die Puppe möge an ihrem Mahl teilhaben, schmiert der Schafhirt ein bisschen von seinem Haferbrei auf ihren Mund, und zum Erstaunen der Männer erwacht sie mit einem lauten Schrei zum Leben.
Die drei Männer verbringen einen wunderschönen Sommer mit der Puppe, die voller Dankbarkeit dafür ist, nicht länger ein Stück Holz zu sein, und mit Freuden leidenschaftliche Liebesaffären mit den dreien unterhält. Als allerdings der Sommer zur Neige geht, müssen die drei Männer ins Tal nach Hause zurückkehren, wo sie für die Puppe keine Verwendung mehr haben. Der Bauer ist verheiratet. Der Schafhirte zieht ständig mit seinen Schafen umher und möchte seine Abende mit Freunden in Gasthäusern verbringen, und der Bursche ist zu jung, um zu heiraten. Daher planen sie, zeitig in der Früh aus der Hütte zu schleichen und die Puppe zu verlassen. Aber die Puppe ertappt sie dabei. Da sie nicht in eine Holzpuppe zurückverwandelt werden will, stellt sie sich ihnen in der Tür entschlossen in den Weg und verlangt, dass einer bei ihr bleibt. Die Männer würfeln darum, wer bleiben muss. Das Los fällt auf den jungen Burschen. Die anderen beiden sollen rasch gehen, ohne umzublicken. Als sie sich in sicherer Entfernung befinden, blicken sie dennoch um und müssen mit Schrecken sehen, dass die Puppe mit dem Burschen auf dem Hüttendach ringt, ihn überwältigt und bei lebendigem Leib häutet und seine blutgetränkte Haut zum Trocknen auf dem Dach der Hütte ausbreitet.
Leitner ist Organist, und das spiegelt sich klar in der polyphonischen Struktur eines Großteils seiner Musik und in seiner Vorliebe für neue Klangfarben wider – beides ideale Voraussetzungen für das Bläserorchester, für das er schon mit Erfolg ein Kontrabasskonzert und zwei Symphonien schrieb. Da seine Kompositionen auch von einem großen emotionalen Ausdrucksspektrum geprägt sind, eignen sie sich besonders gut für das Theater. Seine Vertonung der „Sennenpuppe“ überzeugt vollends.
Die drei Akte heben sich musikalisch gut voneinander ab, wobei jeder mit einem Vorspiel – Abendmusik, Nachtmusik und Morgenmusik – beginnt, welches die Atmosphäre für den jeweiligen Akt entstehen lässt. Die Musik des ersten Aktes imaginiert die schroffe Alpenwelt, gemildert durch die darin eingewobene Volksmusik, die auch zur Charakterisierung der drei Männer dient. Die Musik des zweiten Aktes ist sinnlich und besonnen, während der dritte Akt musikalisch hochdramatisch wird und die Ängste der Männer und den Schrecken der Handlung überzeugend darstellt.
Die Produktion am Tiroler Landestheater war Musiktheater vom Feinsten. Alle vier Sänger bewältigten die Anforderungen dieser vielschichtigen Musik und die Vorgaben der Spielhandlung souverän. Dank Leitners kunstfertiger Komposition für das Bläserorchester und Angerers meisterhafter Führung seiner exzellenten Musiker gelang nicht nur eine packende Aufführung, sondern auch eine hervorragende Abstimmung zwischen Sängern und Bläserorchester.
Es war sehr ermutigend, den enthusiastischen Beifall mitzuerleben, den diese zeitgenössische Oper vom Publikum eines konservativen Hauses in einem traditionell orientierten Teil der Welt erhielt. Man kann nur hoffen, dass dies von Opernhäusern rund um den Globus registriert wird.

The World Association for Symphonic Bands and Ensembles (WASBE), Leon J. Bly, 1.12.2011